DDR und Mauerfall - Zeitzeuge Wolfgang Fricke berichtet in der Sportmittelschule

DDR und Mauerfall - Zeitzeuge Wolfgang Fricke berichtet in der Sportmittelschule

 

Von seinem Arbeitsplatz in Ostberlin  blickte Wolfgang Fricke tagtäglich auf die Mauer, den Stacheldraht und den Todesstreifen. „Man fühlte sich eingesperrt und man war eingesperrt“, so beschreibt er prägnant das Leben in der früheren DDR.   Anlässlich des 30. Jahrestags des Falls der Berliner Mauer wurde er in die Sportmittelschule eingeladen, um den Schülern in den 9. und 10. Klassen von seinem Leben in diesem Unrechtsstaat zu erzählen.
Seine Eltern waren überzeugte Kommunisten und so durchlief auch er die üblichen Jugendorganisationen der DDR. Erste Zweifel


an diesem System kamen bei ihm auf, als er miterlebte wie ein Hausbewohner wegen seiner politischen Äußerungen von zwei Männern in langen schwarzen Mänteln und Hut abgeholt wurde und nicht mehr zurückkam. Er erinnerte sich an einen Film, den er kurz vorher im Unterricht gesehen hatte und der das verbrecherische Wirken der Gestapo im 3. Reich zeigte. Waren das nicht dieselben Uniformen? Hatte man nur die Männer dahinter ausgetauscht? Die Parallelen schienen frappierend. Diese Gedanken schossen dem jungen Pimpf in diesem Moment durch den Kopf. Als er einige Jahre später gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag demonstrierte, bekam auch er erstmals den Stasiterror selbst zu spüren. Er kam für 6 Monate ins berüchtigte Gefängnis für Regimegegner nach Bautzen. „Gefängnis in der DDR das hieß Verhöre, Einschüchterungen, Schikanen und Isolation“, erzählt Wolfgang Fricke.  
 Nach einem halben Jahr kam er zwar frei, aber nur deshalb, weil sich sein älterer Bruder für ihn einsetzte. Ein hochrangiger Stasimitarbeiter! Von jetzt an galt Fricke aber als Regimegegner und wurde von der Stasi bespitzelt. Aus ihren Akten erfuhr er nach der Wende, dass insgesamt 38 IM (Informelle Mitarbeiter) auf ihn und seine Frau angesetzt waren und sie bespitzelten. Unter ihnen waren auch Freunde aus der Musikband  und sogar Familienmitglieder. Mit westlicher Rockmusik und kritischen Texten protestierte er weiter  gegen die Diktatur in der DDR. „In dem Kürzel DDR stimmte nur das Deutsch, es gab keine Demokratie und keine Republik.  Die Menschen konnten nicht mitbestimmen“, so Fricke. Als Regimekritiker war er in der DDR nicht mehr länger erwünscht und sollte das Land verlassen. Er stimmte schließlich zu, auch weil er seinen Kindern ein Leben in diesem Staat, mit vielen Schikanen und Diskriminierungen, ersparen wollte. Sie sollten in einem  demokratischen Staat und in Freiheit aufwachsen und leben können. Später erfuhr er, dass es Pläne gab, ihn zu inhaftieren und ihnen die Kinder wegzunehmen, falls er der Ausreise nicht zugestimmt hätte.  Gebannt hörten die Schüler den Schilderungen des Zeitzeugen über das Leben in der DDR-Diktatur zu. Wolfgang Fricke hatte den historischen Fakten und Daten ein Gesicht verliehen, das beeindruckte und alle nachdenklich stimmte. Das war den Schülern und Lehrern deutlich anzusehen.         
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Vorne 3. v.r. Wolfgang Fricke – hinten Klassenlehrer Johann Gubisch