Geschichte nach vorne denken

Geschichte nach vorne denken – Sportmittelschüler auf Studientagen in Dachau und München

 

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts beschäftigte sich die Klasse 8b der Sportmittelschule intensiv mit dem Thema „Nationalsozialismus“. Den Abschluss bildete ein 3-tägiger Studienaufenthalt in der KZ-Gedenkstätte in Dachau, mit einem historischen Stadtrundgang in München, der „Hauptstadt der Bewegung“ (Adolf Hitler) und thematischen Führungen im NS-Dokumentationszentrum am Königsplatz und der „DenkStätte Weiße Rose“ in der Ludwig-Maximilian-Universität.
Der historische Stadtrundgang mit Geschichtslehrer Hans Simmerl  führte die Schüler zunächst in die Kardinal-Faulhaber-Straße,  wo eine unscheinbare und nur wenig beachtete metallene Bodenplatte an den Gründer des Freistaates Bayern und ersten Ministerpräsidenten Kurt Eisner erinnert. Hier wurde er vor genau 100 Jahren von einem Nationalisten ermordet. Eisner kämpfte für ein demokratisches Bayern und betonte die Würde eines jeden Menschen. Sein Appell an die bayerische Bevölkerung „Jedes Menschenleben soll heilig sein“ sollte bei den Nazis kein Gehör mehr finden.  
Anschließend folgten die Hauzenberger Schüler den Spuren der Hitler-Putschisten vom 9. November 1923 vom Marienplatz zur Feldherrnhalle. Unter einem Kugelhagel mit 20 Toten, darunter auch vier Polizisten, endete hier der gewaltsame Versuch Adolf Hitlers zur Machtergreifung in Bayern. Nach 1933 wurde die Feldherrnhalle zu einer Wallfahrtsstätte der Nazis. Mit Gedenkmärschen und einer Ehrenwache wurde der „gefallenen Blutzeugen“ gedacht, und jeder der hier vorbeikam, musste ihnen mit dem Hitlergruß die Ehre erweisen. Nicht wenige Münchner mieden deshalb diesen Ort der NS-Propaganda, indem sie vor der Feldherrnhalle in eine Seitengasse einbogen, die sogenannte „Drückebergergasse“.  Die bronzene Spur im Kopfsteinpflaster erinnert an den stillen Widerstand, den es in der Münchner Bevölkerung gegeben hat und mahnt,  nicht zu Mitläufern zu werden und Demagogen mit verlogenen Heilsversprechungen blindlings zu folgen.
Nur ein paar Meter vom Karlstor entfernt, in der Herzog-Max Straße, steht das Denkmal  für die jüdische Hauptsynagoge. Hier stand bis Juni 1938 das wichtigste jüdische Gotteshaus in München, das  auf persönlichen Befehl Hitlers abgerissen werden musste. Die Sportmittelschüler erfuhren hier, dass 1933 rund 12000 Menschen jüdischen Glaubens in München lebten. Sie wurden von den Nazis drangsaliert, gedemütigt, beraubt und schließlich ermordet. Das steinerne Denkmal ist auch eine Aufforderung an uns, zusammenzustehen gegen die Ausgrenzung von anderen Menschen. Ein Beispiel und Vorbild ist  Pater Rupert Mayer, der „Apostel Münchens“, der sich nie von den Nazis den Mund  verbieten ließ, dafür ins KZ kam und später im Kloster Ettal eingesperrt wurde. An seinem vielbesuchten Grab in der Bürgersaalkirche und der von den vielen Berührungen schon abgeriebenen Bronzebüste, wird die Erinnerung an ihn wachgehalten. Mit einer brennenden Kerze gedachten die Sportmittelschüler des mutigen Priesters und baten ihn um seinen Beistand.
Das Seminar in Dachau begann mit dem Studium von Personalakten von  ehemaligen Häftlingen,  Männern aus unserer Gegend, die hier aus rassischen oder politischen Gründen inhaftiert waren. Einige wurden hier auch ermordet. So etwa der frühere Hauzenberger Kaplan Dr. Otmar Mauerer und Pater Engelmar Unzeitig aus Glöckelberg im Böhmerwald, der von seinen Mithäftlingen als „Engel von Dachau“ beschrieben wurde. Nach Dachau kam 1938 auch der Steinhauer Ludwig Zieringer aus Berbing.  1939 wurde er ins KZ Mauthausen verlegt, wo er 16. November 1939 angeblich an „Herz- und Kreislaufschwäche“ (Leichenschauschein) verstorben ist.  Otto Frischmann, ein jüdischer Kaufmannsohn aus Untergriesbach, war auch kurze Zeit in Dachau inhaftiert, ehe er ins KZ Buchenwald überstellt wurde.  Dort wurde er im September 1939 angeblich „auf der Flucht erschossen“. Wegen „Volksverhetzung“ kam Johann Zillner aus Hauzenberg ins KZ Dachau. Laut dem Strafbefehl hatte er in einem Gasthaus Hitler und seine Anhänger als „lauter Lumpen“ beschimpft und sich offen zur kommunistischen Partei bekannt.  Dafür musste er insgesamt 10 Monate ins Gefängnis und ins KZ.  „SS husch, husch!“, also raus mit euch, stichelte Xaver Kinateder aus Siglmühle beim sonntäglichen Frühschoppen. Hellhörige Spitzel, die es überall gab, meldeten ihn bei der Gestapo und er kam für mehrere Wochen ins KZ nach Dachau.  Für den jungen Bauern müssen es schreckliche Wochen gewesen sein, über die er später nie gesprochen hat.   
 Viel Zeit nahmen sich die sehr kompetenten Seminarleiter des Max- Mannheimer-Studienzentrums für die geführten Rundgänge und eigenständigen Recherchen der Schüler in der KZ-Gedenkstätte. Betroffen vernahmen die Jugendlichen, dass hier 200 000 Menschen zwischen 1933 und 1945 eingesperrt waren. Sie waren ehrlos, wehrlos und rechtlos und völlig der Willkür der SS-Aufseher ausgeliefert. 41500 Häftlinge wurden in Dachau ermordet. Im Nachdenken über das, was hier geschah, wurde den Schülern auch bewusst, dass vieles, was heute unser Leben ausmacht, Meinungsfreiheit, Rechtsstaat, Demokratie und Achtung der Menschenwürde, nicht selbstverständlich ist und immer wieder von Neuem gesichert werden muss. Jeder ist  gefordert und mitverantwortlich, dass uns diese wertvollen Errungenschaften auch in Zukunft erhalten bleiben.
Am letzten Tag des Studienaufenthalts stand ein Besuch im NS-Dokumentationszentrums am Königsplatz auf dem Programm. 200 Berufsschüler haben die beeindruckende historische Ausstellung mit leuchtenden, bunten Arbeiten ergänzt, die eine Beziehung zwischen Nazi-Zeit und Gegenwart herstellen. Ein Mobile zeigt eine rote Welle. Sie steht für das Meer, in dem Flüchtlinge ertrinken. Im Land gibt es auch eine Welle aus Ausgrenzung und Hass. Die Künstlerin aus der Berufsschule fordert stattdessen eine Flut aus Liebe. Dort wo geschildert wird, wie die Nazis die Minderheiten ausgrenzen, hängt ein buntes Puzzle mit der Botschaft: „Hier ist Platz für jeden“. Allerdings muss jedes Teil sich passend einfügen.  Andere Arbeiten thematisieren Gleichberechtigung, Diskriminierung, Korruption oder Verwüstung von Lebensräumen. Ziel des sehr beeindruckenden Projektes ist es, die Geschichte nach vorne zu drehen und nicht nur das zu erzählen, was gestern passiert ist, sondern Konsequenzen für morgen aufzuzeigen.  Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen, ohne aber die furchtbaren Verbrechen der Nazis zu verharmlosen.
Den Abschluss der sehr intensiven Studientage bildete eine Führung in der „DenkStätte Weiße Rose“ in der Münchner Universität. Die Ausstellung erinnert an den Widerstand von Münchner Studenten gegen die Nazis. In Flugblättern riefen sie zum Sturz des Hitlerregimes auf. Hier in der Eingangshalle wurden sie beim Verteilen der Flugblätter verhaftet. Am 22. März 1943 wurden sie hingerichtet. Der Originalschauplatz des Geschehens weckt ganz besondere Emotionen bei den Schülern. Sie sind berührt und nachdenklich. Mit zwei weißen Rosen, die Schülerinnen vor dem Bronzerelief von Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell, Professor Kurt Huber und Hans Leipelt ablegen, bekunden die Sportmittelschüler großen Respekt vor deren mutigen Handeln.
Die Tage in Dachau und München haben gezeigt, wie leicht der Mensch zum Unmenschen werden kann. Das gilt es zu verhindern, eine Wiederkehr darf es nicht geben, weder bei uns noch woanders. Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich und dazu bedarf es der Erinnerung, besonders in der Schule.

 

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Mit weißen Rosen gedachte die Klasse mit ihrer Lehrerin Monika Berger (rechts), Helga Pfoertner (Mitarbeiterin der „DenkStätte Weiße Rose“) und  Geschichtslehrer Hans Simmerl der mutigen Münchner Studenten
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Interessiert studierten (von links)  Michael Bauer, Mika Wipplinger und Florian Liebl die Personalakten des KZ-Häftlings Ludwig Zieringer aus Hauzenberg.   
Bild 3
Aufmerksam und berührt hörten die Sportmittelschüler von den Leiden der Opfer und den Verbrechen der Täter in der NS-Zeit
Bild 4
Was bedroht uns heute? Die Arbeiten der Berufsschüler laden den Betrachter dazu ein, die NS-Zeit mit heute in Beziehung zu setzen